Mein Papa ist jetzt seit einem Monat nicht mehr bei uns, und obwohl ich mein Leben weiter lebe habe ich zeitweise das Gefühl es läuft einfach an mir vorbei. Wie ein Film den man sich als Außenstehender ansieht. Man ist nicht selbst von diesem Leben betroffen.
Ich bin wirklich froh daß Christine da ist. Ich wüßte nicht wie ich ohne sie diese Zeit überstehen würde. Um meine Mutter und meine Schwester mach ich mir aber ziemliche Gedanken. Es kommt mir so vor, als ob ich mein Leben ziemlich im Griff habe, aber Außenstehende die nichts vom Tod meines Vaters wissen sagen ich wäre anders. Ernst. Ich versuche mir meine Gefühle und Gedanken nicht anmerken zu lassen – meistens klappt es auch da ich mir meiner Gedanken selbst nicht mal richtig bewußt bin.
Manchmal passiert es aber daß ich doch in ein Loch falle. Das kann durch ein Gespräch passieren, Lieder, Gedanken die Abschweifen oder einfach so – ohne Vorwarnung.
Dann überkommt mich einfach alles und ich kann die Tränen nicht mehr halten.
Aber das ist nichts gegen die ersten Tage nach uns mein Vater genommen wurde…
Wenn man von einer Tragödie im Bekanntenkreis oder im Fernsehen hört, versucht man sich vorzustellen wie man sich fühlt wenn jemand stirbt der einem viel bedeutet. Ich hatte mich schon ab und zu mal gefragt wie das Leben ohne meinen Vater oder meine Mutter wäre.
Aber das Gefühl kann man sich nicht vorstellen. Nicht mal Ansatzweise. Anfangs versteht man nicht was da gerade passiert. Man ist traurig und weis nicht genau wieso. Alles ist weit weg und unwirklich. Man versucht einen klaren Gedanken zu fassen. Sich darauf zu konzentrieren das Richtige zu tun. Denken fällt ziemlich schwer da das Gehirn sehr beschäftigt ist. Es versucht zu begreifen was los ist. Eine alternative Erklärung zu finden, denn die Wahrheit kann nicht wahr sein. Gedanken verstricken sich in ein einziges Gewirr – ein einziges Paradoxon. Man fühlt eine unbeschreibliche Leere.
Zeit heilt alle Wunden – aber erstmal macht sie alles schlimmer. Irgendwann hatte das Gehirn genug Zeit die Gedanken zu ordnen. Langsam aber sicher begreift man was passiert ist. Man wacht aus dieser Trance auf und es trifft einen wie ein Vorschlaghammer.
Man erkennt die Wahrheit und muß sie akzeptieren. Und in dieser Zeit stirbt der geliebte Mensch in Gedanken noch einmal. Noch mehrmals. Die Leere die man gespürt hat geht – an ihre Stelle tritt Schmerz. Man weiß daß das Leben nie mehr so wird wie es mal war und man fragt sich wie man es weiterleben soll. Ein Leben ohne den Menschen den man verloren hat scheint kaum vorstellbar. Jemals wieder glücklich sein – oder wenigstens lachen – oder wenigstens nicht mehr traurig sein? Unmöglich!
Jetzt, einige Zeit später weis ich daß es doch geht. Zeit heilt alle Wunden. Erstmals wird mir bewußt wie wahr das Sprichwort ist, das man in der Vergangenheit sooft gehört hat und selbst so unbedacht und nichts ahnend in den Raum geworfen hat. Ein Monat ist nicht lange und ich hab noch oft Rückfälle in die Melancholie, aber ich merke daß es mir besser geht.
Je mehr Zeit vergeht, desto schwächer wird der Schmerz. Man bekommt beim Atmen wieder Luft. Wenn man ich an meinen Vater denke, muß ich manchmal lächeln anstatt zu weinen. Der Schmerz weicht der Erinnerung an einen ganz besonderen Menschen. Der Haß auf die Krankheit weicht der Wertschätzung und Dankbarkeit. Anfangs spürt man nur die Lücke die der Tod dieses Menschen hinterlassen hat, aber immer öfter wird die Lücke von Erinnerungen gefüllt. Und man ist froh daß man diesen Menschen kennen durfte und in meinem Fall einen so tollen Vater hatte …
Danke.
